05.02.2026

Kaffeeanbau in Mexiko – Geschichte, Botanik und Gegenwart

Von Maria Wittig
Kaffeepflanze Veracruz Finca San José Kaffeekirschen

Ursprung und historische Entwicklung

Mexiko gehört heute zu den zehn größten Kaffeeproduzenten der Welt, doch der Weg dorthin war weder geradlinig noch konfliktfrei. Der Kaffee gelangte im späten 18. Jahrhundert mit spanischen Kolonialherren nach Neuspanien. Erste Pflanzungen entstanden in den feuchten, bergigen Regionen des heutigen Bundesstaates Veracruz. Das milde, subtropische Klima und die fruchtbaren Vulkanböden boten ideale Voraussetzungen für Coffea arabica und legten den Grundstein für eine bis heute prägende Anbauregion.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Kaffee zunehmend zu einem Exportgut. Großgrundbesitzer dominierten den Anbau, während indigene Gemeinschaften und Landarbeiter oft unter prekären Bedingungen arbeiteten. Nach der mexikanischen Revolution (1910–1920) veränderte sich die Besitzstruktur: Viele Farmen wurden aufgeteilt, Kooperativen entstanden, und Kaffee wurde zum zentralen Einkommen für hunderttausende Kleinproduzent:innen, insbesondere im Süden und Osten des Landes.

Botanische Grundlagen des Kaffeeanbaus

In Mexiko wird fast ausschließlich Arabica angebaut. Die Pflanzen gedeihen typischerweise in Höhenlagen zwischen 800 und 1.600 Metern über dem Meeresspiegel. Entscheidend sind dabei mehrere Faktoren:

  • Klima: Wechsel aus Regen- und Trockenzeiten, moderate Temperaturen (18–24 °C)

  • Boden: Vulkanische, gut drainierte Böden mit hohem Mineralgehalt

  • Schatten: Traditionell wird Kaffee im Schatten von Inga-, Bananen- oder Avocadobäumen kultiviert, was Biodiversität fördert und Erosion reduziert

Botanisch steht der Kaffeeanbau heute vor großen Herausforderungen. Krankheiten wie Kaffeerost (Hemileia vastatrix) haben seit den 2010er-Jahren massive Ernteausfälle verursacht. Der Klimawandel verschärft dieses Problem zusätzlich, da steigende Temperaturen und veränderte Niederschlagsmuster ideale Bedingungen für Schädlinge schaffen.

Die Anbauregionen

Mexikos Kaffeeanbau ist stark regional geprägt. Zu den wichtigsten Anbaugebieten zählen:

  • Veracruz: Historische Wiege des mexikanischen Kaffees, bekannt für ausgewogene Profile

  • Chiapas: Größter Produzent, oft mit kräftigen, schokoladigen Kaffees

  • Oaxaca: Komplexe, oft florale Kaffees aus indigener Kleinproduktion

  • Puebla & Guerrero: Kleinere, aber qualitativ spannende Regionen

Besonders Veracruz nimmt eine Sonderrolle ein. Die Region erstreckt sich von den Küstenebenen am Golf von Mexiko steil hinauf in die Gebirgszüge der Sierra Madre Oriental. Diese dramatischen Höhenunterschiede schaffen vielfältige Mikroklimata, welche ein entscheidender Faktor für differenzierte Geschmacksprofile sind.

Kaffeeanbau heute

Heutiger Kaffeeanbau in Mexiko ist ein Balanceakt. Einerseits existiert eine jahrhundertealte Tradition kleinbäuerlicher Produktion, andererseits stehen Produzent:innen unter enormem wirtschaftlichem Druck. Niedrige Weltmarktpreise, steigende Produktionskosten und Arbeitskräftemangel bedrohen die Existenz vieler Farmen.

Gleichzeitig wächst ein neues Selbstverständnis: Qualität statt Quantität. Immer mehr Produzenten investieren in Varietätenwahl, selektive Ernte, präzise Aufbereitung und direkte Handelsbeziehungen. Specialty Coffee ist also längst kein Randphänomen mehr.

Kaffeeexport, Preisdruck und die Schattenökonomie

In diesem Kontext lässt sich ein heikles, aber zentrales Thema nicht ausklammern: der Zusammenhang zwischen Kaffeeexport, ökonomischer Unsicherheit und der Präsenz illegaler Drogenökonomien. Besonders in abgelegenen Bergregionen – genau dort, wo Kaffee traditionell angebaut wird – wirken globale Marktmechanismen unmittelbar auf lokale Lebensrealitäten.

Wenn die Auszahlungspreise für Kaffee unter die Produktionskosten fallen, verliert der Anbau seine Funktion als verlässliche Existenzgrundlage. Für viele Familien bedeutet das nicht nur Armut, sondern den Wegfall jeglicher Planungssicherheit. In Regionen mit schwacher staatlicher Infrastruktur entstehen dadurch Räume, in denen illegale Wirtschaftszweige an Attraktivität gewinnen, nicht aus ideologischen Gründen, sondern aus ökonomischer Notwendigkeit.

Illegale Kulturen wie Mohn oder Marihuana, aber auch logistische Tätigkeiten innerhalb krimineller Netzwerke, bieten oft stabile Abnahme, sofortige Bezahlung und geringere Preisschwankungen als der globale Kaffeemarkt. Diese Dynamik ist ein Symptom eines internationalen Handelssystems, das Risiken systematisch auf Produzent:innen abwälzt.

Vor diesem Hintergrund wird hochwertiger Kaffeeanbau zu mehr als einer Frage des Geschmacks. Faire Preise, langfristige Handelsbeziehungen und Investitionen in Qualität schaffen reale Alternativen. Sie ermöglichen es Produzenten, legale Strukturen zu erhalten, Arbeitsplätze zu sichern und junge Generationen in der Landwirtschaft zu halten. Specialty Coffee wird so – jenseits aller Romantisierung – zu einem Instrument ökonomischer Stabilisierung.

Finca San José in Coatepec, Veracruz

Inmitten dieser Entwicklung rückt die traditionsreiche Region Coatepec wieder stärker in den Fokus. Einst international bekannt, verlor sie im 20. Jahrhundert an Bedeutung – nicht wegen mangelnder Qualität, sondern aufgrund standardisierter Vermarktung.

Nahe der Stadt Coatepec liegt die Finca San José, betrieben von Alejandro Martinez Anaya. Seine Farm umfasst insgesamt 250 Hektar Land und steht exemplarisch für den Wandel des mexikanischen Kaffees.

Verietät: Anacafe 14

Einen besonderen Schwerpunkt legt Alejandro auf die Varietät Anacafe 14, die auf rund 60 Hektar angebaut wird. Diese Sorte ist eine natürlich entstandene Kreuzung aus Pacamara und einer Catimor-Art. Entdeckt wurde sie 1980 und später vom guatemaltekischen Kaffeeverband Anacafe als widerstandsfähige Varietät etabliert.

Ihre Bedeutung wächst heute rasant: Anacafe 14 kombiniert eine hohe Resistenz gegen Kaffeerost mit überraschend komplexen sensorischen Eigenschaften. Damit widerspricht sie dem lange vorherrschenden Vorurteil, dass resistente Hybride zwangsläufig aromatisch limitiert seien.

Aufbereitung 

Die Verarbeitung auf der Finca San José zeugt von Geduld und Präzision. Nach der selektiven Ernte werden die Kirschen zunächst 18 Stunden als Ganzes fermentiert. Erst am Folgetag erfolgt das Entpulpen und Waschen.

Anschließend trocknet der Kaffee über einen langen Zeitraum von 32 Tagen unter einem sogenannten Casa Elba, einer speziellen Dachkonstruktion, die direkte Sonneneinstrahlung reduziert und eine langsame, gleichmäßige Trocknung ermöglicht. Diese Methode minimiert Stress für die Bohnen und fördert Klarheit sowie Tiefe im Tassenprofil.

Historisch galt mexikanischer Kaffee häufig als solide, nussige Basis für Blends, sprich zuverlässig, aber selten spektakulär. Produzenten wie Alejandro Martinez Anaya zeichnen heute ein anderes Bild. Durch die Kombination aus widerstandsfähigen, modernen Hybriden, präziser Fermentation, langsamer, kontrollierter Trocknung und tiefem regionalem Wissen entstehen Kaffees, die das Potenzial alter Anbauregionen wie Coatepec neu definieren. 

Fazit

Unser Kaffee Finca San José aus Mexiko steht für den qualitativen Wandel einer lange unterschätzten Herkunft. Er stammt aus Veracruz, einer Region mit vulkanischen Böden, steilen Höhenlagen und einer tief verankerten Kaffeetradition, die heute neu interpretiert wird.

Im Geschmack zeigt sich diese Herkunft klar und präzise: strukturiert, ausgewogen und sauber. Noten von Mandel, roter Pflaume und Rohrzucker treten deutlich hervor. Kontrollierte Fermentation, langsame Trocknung und eine widerstandsfähige Varietät sorgen für Tiefe und Klarheit.